Gemeinsam an einem Tisch:
Fragen und Antworten

Wie bist du darauf gekommen, Sterbebegleiterin werden zu wollen?
Der Wunsch war schon lange in mir. Als Kind erlebte ich eine wunderschöne Nahtoderfahrung. Das prägte mich nachhaltig und schenkte mir eine besonders – ich möchte es fast „zärtliche“ nennen – innige Beziehung zum Sterben und Tod. In mir ist durch mein Erlebnis einfach ein Wissen entstanden, dass „Sterben“ weder weh tut, noch den vollständigen Abschluss des Lebens bedeutet.
Irgendwann ging mir dann die Ausbildung zur Sterbebegleiterin nicht mehr aus dem Kopf und damit war der Zeitpunkt für meine neue Aufgabe gekommen.
Wo hast du deine Ausbildung gemacht?
Ich fand im Internet eine Ausbildungsstätte, die den Unterricht als Block jeweils über 5 Tage anbot. Für mich war das genial, da ich von der Insel aus ja nicht „mal gerade so eben“ vom Fleck komme. Außerdem sprach mich die Internet-Seite von Veetman sehr an, da ich bisher selten so viel Mitgefühl und Empathie über den Prozess des Sterbens erlesen durfte. Der Unterricht fand im Seminar-Zentrum auf dem Schloss Wasmuthhausen in Nord-Bayern statt. Die Ausbildung hat mein Leben weit über alle Erwartungen bereichert und verändert. Ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein!
Im Winter 2011/2012 werde ich jedoch noch eine "normale" Ausbildung innerhalb der Hospiz-Gemeinschaft auf Borkum anschließen, die über die Borkum-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Ich freue mich schon sehr darauf, noch mehr Wissen und Erfahrungen im Bereich der Sterbebegleitung erlangen zu dürfen!!!
Was war für dich so „besonders“ an dieser Ausbildung? Geht es in der Sterbebegleitung nicht immer um Mitgefühl und Empathie?
Doch sicherlich *lach*! Vielleicht liegt es daran, dass es eine „Seelisch-spirituelle“ Ausbildung zur Sterbebegleitung war. Ich habe leider keinen Vergleich zu den üblichen Ausbildungsstätten und kann nur von meiner Empfindung sprechen.
Was war für mich so „besonders“? Eigentlich sehr viele Aspekte. Beginnend von den Möglichkeiten, wie man mit Menschen „arbeiten“ kann, die von sich wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Alle Hilfen sind sehr leicht anzuwenden und über aus effizient. Vorausgesetzt natürlich, die Person ist bereit, sich helfen zu lassen. Alles darf – nichts muss!
Dann war der Inhalt der Ausbildung für mich total faszinierend!
Wir wurden zunächst an unseren eigenen Sterbeprozess heran geführt, um empathisch nachempfinden zu können, was in einem Sterbenden vor sich geht. Es wurden sämtliche Loslass-Prozesse durchexerziert, die man sich nur vorstellen kann. Ich selbst bin dadurch innerlich frei und „leicht“ geworden. Die eigene Transformation war unvorstellbar bereichernd.
Mein Mann ist ja 20 Jahre älter als ich. Jetzt habe ich kein Problem mehr damit, ihn loszulassen, falls er vor mir „gehen“ sollte.
Was soll denn „seelisch-spirituell“ bedeuten?
Die „Seelisch-spirituelle Sterbebegleitung“ bietet Hilfen, vom Sterben zurück ins Leben zu finden. Das klingt jetzt vielleicht etwas paradox!
Als Beispiel:
Die Tatsache, dass eine Person nicht mehr lange zu leben hat, steht vielleicht fest. Jetzt habe ich für mich selbst zwei Hauptaufgaben, auf die ich mich konzentriere: Erstens biete ich jegliche Hilfestellung, um Fragen bzgl. des Sterbens zu beantworten und versuche, persönliche Ängste abzubauen und bestehenden Kummer/Probleme in ein anderes Licht zu rücken. Und Zweitens tritt in der erweiterten Sterbebegleitung (der seelisch-spirituelle Aspekt dabei), so nenne ich das mal, widergewonnener Lebensmut und ein aktiv und bewusstes Leben an die Tagesordnung.
Ein junger Mensch mit einer höchstwahrscheinlich Tod bringenden Diagnose, dessen Lebensende nicht abzusehen ist, darf jetzt nicht resignieren, sondern sollte sich angstfrei ins Leben stürzen. Indem ich zuvor alle Fragen bzgl. des Todes mit ihm geklärt habe, hat er nun die Möglichkeit, die restliche Lebenszeit voller Annahme und Akzeptanz – so weit es geht – zu genießen. Sobald ein innerer Frieden für die Situation erlangt wurde, entsteht eine „Freiheit“, die ihm Hilft, sich wieder auf das Leben an sich zu konzentrieren – wenn auch evtl. etwas eingeschränkt. Wichtig ist mir dabei, dass die Angst vor dem Tod nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern das Leben.
Aus dem Grund bin ich auch der Meinung, dass bewusste Sterbebegleitung bereits lange vor dem physischem Tod beginnen sollte und nicht erst in den letzten Wochen, wenn es wirklich zu Ende geht. Es geht um Lebensqualität! Und die sollte so gut genutzt und ausgelebt werden, wie eben möglich. Ängste, Kummer usw. behindern sie oder machen sie sogar unmöglich!
Seelisch – spirituelle Sterbebegleitung hilft, Lebensqualität widerzuerlangen.
Das klingt ja alles sehr interessant! Wie ging es seit der Ausbildung zur Sterbebegleitung in der Praxis für dich weiter?
Ich besuche jetzt regelmäßig Bewohner unseres Seniorenhuus auf Borkum. Außerdem werde ich von den Hausärzten in Bedarfsfällen angerufen und fahre zu den Patienten nach Hause. Weiter sind Vorträge in den Reha-Kliniken geplant.
Sind das alles alte Menschen, um die du dich kümmerst?
Oh nein *lächel*! In den Kliniken zum Beispiel sind viele jüngere Krebs-Patienten mit dabei. Eigentlich geht die Alters-Spanne von jung bis alt. Nur in unserem Seniorenhuus gibt es selbstverständlich ausschließlich alte Menschen. Manche von ihnen haben körperliche, altersbedingte Defizite, sind jedoch dabei „wach und klar“ und manche sind dement.
Wie kommst du damit klar? Was kannst du den Menschen geben? Ist das nicht schwierig bei den Altersunterschieden?
Ich komme damit wunderbar zurecht! Diese „Arbeit“ erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Wenn ich am Bett eines Menschen sitze, sehe ich in erste Linie das, was er wirklich tief in sich ist. Unabhängig von den äußeren Umständen. Meine Aufgabe ist ja auch, mich eher um die Psyche / Seele der Person zu kümmern. Natürlich kann ich sie auf eigenen Wunsch mal im Gesicht oder die Arme eincremen, aber mehr liegt körperlich nicht in meinem Aufgabenbereich. Dafür gibt es das Pflegepersonal.
Worauf ich dagegen schon achte ist, dass ihre persönliche Umgebung gemütlich ist. Gerade, wenn es um im Sterben liegende Menschen geht, sollte eine Wohlfühl-Atmosphäre herrschen. Ab und zu bringe ich mal ein Blümchen mit, lese etwas vor, bete mit ihnen, sorge für Sauerstoff im Raum oder stelle Musik an, die er Patient mag. Alles, was gefällt, darf sein und ist erwünscht.
Was den Altersunterschied betrifft, gehe ich vollkommen unterschiedlich an die Betroffenen heran.
Jüngere Menschen sind meist offener für das Thema „Tod“. Bei ihnen geht es (Hospizarbeit ausgeschlossen) meistens um die Bewältigung der evtl. Tod bringenden Diagnose. Hier gilt es, dass Ängste und Depressionen abgebaut werden, damit sie sich dem Leben wieder – trotz Krankheit – öffnen können. Es ist sehr wichtig, mit ihnen über die Möglichkeiten in der Schmerztherapie zu reden und Fragen über den Tod zu beantworten, falls sie welche haben.
Sprichst du die Personen an oder wie wird die Sterbebegleitung eingeleitet?
Nein. Zunächst einmal stelle ich mich ganz normal vor. Allerdings vermeide ich dabei das Wort „Sterbebegleiter“, denn das könnte sehr abschreckend wirken. Mein Gegenüber sollte erst mich als Mensch kennenlernen können, damit sich Vertrauen aufbauen kann. Immerhin geht es in der Sterbebegleitung um teilweise seht intime Gespräche und hierzu kann es nur kommen, wenn grundsätzliche Sympathie vorhanden ist. Wer mich nicht mag, wird sich mir auch nie öffnen können.
Für Menschen, die mich bereits kennen, kann ich ein Gespräch anbieten. Ganz locker, ganz frei, ganz unverbindlich. Meistens ergibt sich daraus die weitere Arbeit.
Im Seniorenhuus laufe ich unter „Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Sozialbereich“. Das klingt neutraler.
Wenn ich jedoch dagegen einen Vortrag in der Klinik halte, stelle ich mich auch als Sterbebegleiterin vor. Denn dort kommt jeder freiwillig, der etwas von mir und über mein Arbeitsfeld wissen möchte. Hier herrscht absolute Ehrlichkeit meinerseits. Wer dann an mich mit speziellen Fragen heran treten möchte, kann es gerne tun.
Ansonsten halte ich mich zurück. Mir ist wichtig, dass ich präsent bin und jeder auf mich zu kommen kann, der den Wunsch verspürt.
Was sind deine langfristigen Ziele in der Sterbebegleitung?
Langfristig gesehen möchte ich gerne in einem sehr liebevoll geführten Hospiz arbeiten und jüngere Menschen, die wissentlich bald sterben werden ermutigen, ihre Zeit bewusst zu erleben.
Dann würde ich auch gern die Möglichkeiten haben, alle Menschen – egal ob gesund oder krank – die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod bewusst zu machen. Über diesen Weg leben sie ihre wahre Natur aus und behindern sich nicht selbst durch Ängste und Depressionen. Jeder Mensch, der sich einmal sehr bewusst mit seiner eigenen Endlichkeit befasst hat, lebt ein komplett anderes Leben und sieht alles in einem anderen Licht.
Es schenkt einen ungeahnten Reichtum, wenn man schon zu „Lebzeiten“ durch die eigene Transformation gegangen ist. Sterbebegleitung ist eben nicht erst etwas für die „letzten“ Tage, sondern sollte beginnen, so lange man noch Interesse an purem Leben hat und gesund ist.
Wie denkst du über deinen eigenen Tod?
Gute Frage!
Obgleich ich noch sehr viele Ziele für mein Leben habe, wäre ich jederzeit bereit zu gehen, wenn mein großer Augenblick gekommen ist. Auch jetzt sofort. Ich habe zu Lebzeiten alles losgelassen - auch mein Leben – und somit ist für mich ok, was auch immer zu jedem Zeitpunkt kommen mag.
Wie wichtig ist die Religion für dich in der Sterbebegleitung?
Die Religion ist unwichtig. Der Glaube an sich ist viel wichtiger. Um einen tiefen Glauben zu leben, braucht man nicht unwillkürlich in die Kirche zu gehen. Ich persönlich kann leichter mit Menschen arbeiten, die einen Glauben an etwas haben (egal welcher Konfession). Aber notwendig ist das nie. Meine Möglichkeiten gehen nur einfach tiefer, verstehst du?
Ich selbst lebe meinen Glauben tief in meinem Herzen. Das, was man Gott nennt – oder wie auch immer genannt – ist stets präsent. Das war jedoch nicht immer so. Es liegt ein langer Weg der „Suche“ hinter mir, bis ich begriff, dass Gott nicht im Außen zu finden ist, sondern in mir lebt.
Früher habe ich in meiner Verzweiflung oft geschriehen: „Oh mein Gott, warum hast du mich verlassen!“. Heute ist er immer da – in jeder Lebensphase. Ich brauche keine „zwei Fußspuren im Sand“ mehr, um Gewissheit zu haben. Heute weiß ich einfach!

Ambulante Sterbebegleitung
Patienten-Rechte
Spirituelles Zentrum auf Borkum